Was ist Eltern-Kind-Entfremdung?

"Der Begriff Eltern-Kind-Entfremdung (engl. Parental Alienation) beschreibt ein Phänomen, bei dem ein Kind - meistens eines, dessen Eltern sich in einem kolfliktbeladenen Trennungs- oder Scheidungsprozess befinden - sich stark mit einem Elterntel verbündet und eine Beziehung zum anderen Elternteil ohne legitime Begründung ablehnt."

(Lorandos, Bernet und Sauber: Parental Alienation: The Handbook for Mental Health and Legal Professionals, 2013)

 

Der Begriff bezieht sich nicht auf Fälle:

  • in denen die Ablehnung eines Elternteils durch ein Kind eine legitime Ursache hat, wie Gewalt, Missbrauch oder Vernachlässigung,
  • in denen ein Elternteil nach der Trennung aus eigenem Antrieb den Kontakt zum Kind abbricht,
  • in denen das Kind nie eine Beziehung zum abgelehnten Elternteil hatte (z.B. bei Trennung und Kontaktabbruch bereits während der Schwangerschaft),
  • in denen ein Elternteil zwar Umgangsbehinderung oder -boykott betreibt, das Kind aber dennoch weiterhin eine positive Beziehung zum anderen Elternteil wünscht und/oder aufrecht erhält.

 

Was sind die Ursachen einer Eltern-Kind-Entfremdung

Eine Eltern-Kind-Entfremdung kann sehr unterschiedliche Ursachen haben. Oft haben Eltern nach einer Trennung Angst, nach dem Partner vielleicht auch noch das Kind zu verlieren. Oder sie haben das Gefühl, dass der Ex-Partner, mit dem sie selbst am liebsten nichts mehr zu tun haben möchten, auch für das Kind nicht gut sein kann. Solche Gefühle können dazu führen, dass das Kind bewusst oder unbewusst dazu getrieben wird, sich zwischen den Eltern zu entscheiden und einen Elternteil zu bevorzugen. Auch Rachegedanken dem Ex-Partner gegenüber können eine Rolle spielen. Ebenso gibt es Fälle, in denen häusliche Gewalt gegen den Partner nach der Trennung über die Kinder fortgeführt wird, d.h. die Kinder werden instrumentalisiert, um weiter Gewalt und Kontrolle über den früheren Partner auszuüben.

Wie findet eine Eltern-Kind-Entfremdung statt?

Auch hier gibt es sehr unterschiedliche Abläufe. Eine Entfremdung kann bewusst und offen, aber auch sehr subtil und unbewusst ablaufen. Sie kann bereits in einer bestehenden Ehe beginnen oder auch erst nach der Trennung einsetzen. Sie kann innerhalb weniger Wochen oder auch über mehrere Jahre stattfinden und unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Der die Entfremdung vorantreibende Elternteil kann sowohl der hauptbetreuende als auch der umgangsberechtigte Elternteil sein. Sowohl Väter als auch Mütter entfremden Kinder vom anderen Elternteil.

Was treibt ein Kind dazu, sich mit einem Elternteil zu verbünden und den anderen abzulehnen?

Allen Fällen gemeinsam ist, dass das Kind psychologisch so sehr unter Druck gerät, dass es sich nicht anders zu helfen weiß, als sich für eine Seite zu entscheiden und den anderen Elternteil zu „entsorgen“. Dieser Druck entsteht in der Regel durch einen extremen Loyalitätskonflikt, dem das Kind psychisch nicht mehr gewachsen ist. Er kann durch einen sehr heftig von beiden Seiten ausgetragenen Elternkonflikt entstehen, häufig geht aber der Druck vor allem von einem Elternteil aus.

Die Entscheidung für einen Elternteil und gegen den anderen geht häufig mit einer Parentifizierung gegenüber dem bevorzugten Elternteil einher, d.h. das Kind übernimmt eine Eltern- oder Partnerrolle dem Elternteil gegenüber, den es als den bedürftigeren empfindet. Das führt dazu, dass die gesunde Familienhierarchie aus den Fugen gerät. Das Kind wird auf die Hierarchieebene des bevorzugten Elternteils gehoben und über den abgelehnten Elternteil gestellt, was eine für das Kind sehr ungesunde und schädliche Situation darstellt.

In Fällen von vorausgegangener Partnerschaftsgewalt kommt es auch vor, dass ich das Kind mit dem Gewalt ausübenden Elternteil identifiziert. Dieser Elternteil wird vom Kind als der „Starke“ empfunden, der das Kind besser schützen kann, oder das Kind ordnet sich aus Angst dem gewalttätigen Elternteil unter. Die Gewalt kann dabei körperlicher oder auch rein psychischer Natur sein.

Wenn ein Kind dazu getrieben wird, sich für einen Elternteil und gegen den anderen zu entscheiden, empfindet es zunächst starke Schuldgefühle dem abgelehnten Elternteil gegenüber, da es eigentlich beide Eltern liebt und keinem von beiden weh tun möchte. Um diesen Schuldgefühlen zu entgehen, verwendet das Kind einen psychologischen Abwehrmechanismus, die Spaltung. Der abgelehnte Elternteil wird als komplett böse empfunden, der bevorzugte Elternteil als komplett gut. So kann das Kind vor sich selbst die Ablehnung rechtfertigen und projiziert die Schuld auf den abgelehnten Elternteil.

Verhaltensweisen eines Elternteils, die ein Kind in die Entfremdung treiben können, können z.B. sein:

  • Negativ über den anderen Elternteil reden
  • Umgangsboykott, Stören der Kommunikation zwischen Kind und anderem Elternteil,
  • Erinnerungen an den anderen Elternteil entfernen (z.B. Fotos),
  • Liebesentzug, wenn das Kind positiv über den anderen Elternteil spricht,
  • dem Kind das Gefühl geben, dass der andere Elternteil gefährlich oder desinteressiert ist oder das Kind nicht liebt (bis hin zu falschen Anschuldigungen bei Jugendamt oder Gericht),
  • Druck auf das Kind ausüben, sich zwischen den Eltern zu entscheiden oder den anderen Elternteil abzulehnen,
  • dem Kind eigene negative Gefühle gegenüber oder Probleme mit dem anderen Elternteil anvertrauen,
  • vom Kind verlangen, den anderen Elternteil auszuspionieren oder Geheimnisse vor dem anderen Elternteil zu bewahren,
  • vom anderen Elternteil mit Vornamen sprechen und / oder einen Stiefelternteil als „Mama“ oder „Papa“ zu bezeichnen und das Kind ermuntern, dasselbe zu tun,
  • dem anderen Elternteil wichtige Informationen vorenthalten, so dass er sich nicht zuverlässig kümmern kann (kann von Terminen für Schulveranstaltungen bis hin zu Umzügen ohne Mitteilung der neuen Adresse reichen),
  • die Autorität des anderen Elternteils untergraben, indem man dessen Regeln abwertet bzw. selbst einen Laissez-faire-Erziehungsstil kultiviert.

(Amy J. L. Baker and S. Richard Sauber: Working with Alienated Children and Families: A Clinical Guidebook (New York: Routledge, 2013), 95-97)

Woran erkennt man eine Eltern-Kind-Entfremdung?

Nicht jedes Kind, das Besuche beim anderen Elternteil ablehnt, ist entfremdet im Sinne einer Eltern-Kind-Entfremdung. Es gibt auch Fälle, in denen ein Kind Besuche bei einem Elternteil aufgrund anderer Gründe ablehnt. Eine solche Ablehnung kann z.B. durch Probleme mit einem neuen Partner des Elternteils, aufgrund von Pubertätskonflikten oder, im Extremfall, aufgrund von Gewalt, Missbrauch oder Vernachlässigung durch den Elternteil entstehen. Diese Ablehnung ist jedoch nicht kategorisch, sondern an die problematischen Verhaltensweisen des Elternteils gebunden und geht nicht mit einer Idealisierung des bevorzugten Elternteils einher.

Eltern-Kind- Entfremdung im Sinne dieser Seite kann anhand der folgenden Kriterien von anderen Ablehnungsursachen abgegrenzt werden:

  • Verunglimpfungskampagne gegen den abgelehnten Elternteil, die öffentlich zur Schau getragen wird,
  • ungerechtfertigte, absurde Begründungen für die Ablehnung,
  • Fehlen von normaler Ambivalenz (Idealisierung des einen Elternteils und Verteufelung des anderen, Schwarz-Weiß-Denken)
  • reflexartige Parteinahme für den bevorzugten Elternteil,
  • Ausweitung der Ablehnung auf die gesamte Familie und das Umfeld des zurückgewiesenen Elternteils,
  • das Phänomen der "eigenen Meinung" (Betonung des "eigenen Willens"),
  • keine sichtbaren Schuldgefühle gegenüber dem abgelehnten Elternteil,
  • Übernahme "geborgter Szenarien" (Das Kind formuliert Vorwürfe genauso wie der bevorzugte Elternteil).

(Amy J. L. Baker and S. Richard Sauber, editors, Working with Alienated Children and Families: A Clinical Guidebook (New York: Routledge, 2013), 62)

Welche Folgen hat eine Eltern-Kind-Entfremdung?

Die Entfremdung von einem liebenden Elternteil, zu dem das Kind vormals eine gesunde und gute Beziehung hatte, ist für ein Kind eine traumatische Erfahrung. Das Kind erlebt einen Bindungsabbruch und wird zudem dazu getrieben, einen Elternteil als „böse“ zu betrachten, von dem es 50% seiner Gene geerbt hat, so dass es quasi auch sich selbst als zur Hälfte „böse“ ansehen muss. Dazu kommt, dass das Kind dem abgelehnten Elternteil gegenüber Schuldgefühle hat, die es zwar verdrängt und auf den Elternteil projiziert, die aber im Unterbewusstsein weiter wirken und so das Selbstwertgefühl des Kindes zusätzlich untergraben.

Dazu kommt, dass das Kind mit dem bevorzugten Elternteil in der Regel eine symbiotische Bindung eingeht, die es dazu bringt, seine eigenen Bedürfnisse zugunsten der Bedürfnisse des Elternteils zurückzustellen. Das hat gravierende Folgen für die Entwicklung des Kindes und Auswirkungen auf dessen spätere Beziehungen.

Wenn eine solche Situation nicht beendet wird und schlimmstenfalls über viele Jahre bis ins Erwachsenenalter andauert, kann dies für das Kind dramatische Folgen haben. Dazu können gehören:

  • Schwierigkeiten bei der Ablösung vom bevorzugten Elternteil,
  • Unfähigkeit, gesunde Partnerbeziehungen zu leben,
  • mangelndes Selbstwertgefühl,
  • Verhaltensauffälligkeiten, Schulprobleme,
  • Angsstörungen, Alpträume, Phobien,
  • Depressionen bis hin zum Suizid,
  • Posttraumatische Belastungsstörungen,
  • Suchterkrankungen,
  • Essstörungen,
  • Persönlichkeitsstörungen

Darüber hinaus hat die Entfremdung auch für den abgelehnten Elternteil gravierende Folgen, die sich in psychosomatischen Beschwerden, posttraumatischen Belastungsstörungen und Depressionen bis hin zum Suizid äußern können.

 

Nach einer Studie des Deutschen Jugend Instituts haben in Deutschland 17,5% der Trennungskinder keinen Kontakt mehr zum anderen Elternteil. 25% haben nur selten Kontakt.